Der künstlerische Leiter der documenta 2017 Adam Szymzyk hat mit seinem Konzept, die documenta in Kassel und Athen stattfinden zu lassen, Mut bewiesen und eine öffentliche Diskussion ausgelöst, die der Weltausstellung der modernen Kunst nur gut tun kann. In Kassel selbst war schon seit längerem zu beobachten, dass die documenta allgemein akzeptiert ist. Die einstige Kurfürsten-Stadt nennt sich auf den Ortsschildern stolz documenta-Stadt, leider schon bevor die Kaskaden Teil des Weltkulturerbe der UNESCO wurden. Der örtlichen Tageszeitung ist es sogar Wert darüber zu berichten, wenn die im öffentlichen Raum gepflanzten sogenannten Beuys-Eichen im Zuge von Strassenbauarbeiten mit besonderen Abdeckungen geschützt werden. Kein anderer Baum auf der Welt erlebt wohl eine solche Beachtung und Wertschätzung. Auch der Skywalker vor dem Hauptbahnhof und die Hacke am Fuldaufer zeigen, dass die einst besondere documenta-Kunst im Kasseler Stadtornament Teil des Alltags geworden ist.

Der Kampf um Akzeptanz

Seit den 50er Jahren, seit der ersten documenta kämpfte die Ausstellung um ihre Existenz und Akzeptanz. Zu viele Argumente schienen gegen das Projekt zu sprechen. Das damals provinzielle Kassel musste sich an den neuen Status des Zonenrandgebiets gewöhnen. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder dominierten die öffentliche Wahrnehmung. Neue Strömungen in der Kultur wie die Neue Musik und die abstrakte Kunst wurden von der breiten Masse brüsk kritisiert und zum Teil ignoriert oder abgelehnt. Letztlich aber konnte sich die Idee eines kleinen Kreises um den Initiator Arnold Bode beharrlich durchsetzen. Der Rest ist Geschichte. Skandale, Kontroversen und eine breite Beachtung in der Öffentlichkeit sowie die wachsende weltweite Bedeutung katapultierten die Ausstellung in der Provinz zu einem der weltweit führenden Kunstevents. Und genau das ist das Problem der documenta. Steht eine neue 100-Tage Ausstellung an, frohjauchzen als erstes die Marketingabteilungen verschiedener Unternehmen. Die bahn bietet spezielle documenta-Tickets an, alle anderen wollen auf den documenta Zug aufspringen und davon profitieren. Das Marketing läuft zur Höchstform auf. Die „d“ gehört zum Lifestyle des halb informierten Bürgertums, ist als „hipper Kulturtipp“ in den Top 10-Listen in Frauen- und Männermagazinen, die in ihren Top 10-Listen die documenta sogar als „sexy“ bezeichnen. Das sonst so seriöse Feuilleton ergötzt sich an peinlichen Stereotypen wie dem vermeintlich provinziellen Ambiente der Stadt und Filme wie „My home is my Kassel“ bleiben an Banalitäten hängen.

Die einst Kassel und Deutschland mit Ruhm überhäufende und um internationale Annäherung bemühte Ausstellung wird mehr und mehr als Event wahr genommen, in das sich Firmen einkaufen können, um sich mit deren Namen zu schmücken. Je mehr um die documenta drum herum geschieht, umso eher wird die Ausstellung auf ein lokales Event reduziert und in den allgemeinen Eventjahresplan aufgenommen, zu dem Valentinstag und Halloween gehören wie auch die in der Region beliebte alljährliche Kirmes Zissel. Also gilt: Kassel ist documenta ist Kassel.

documenta kann überall sein

Doch diese Formel wäre zu einfach und würde der Bedeutung dieser Ausstellung und deren Charakteristika nicht gerecht. Keine andere Ausstellung dauert so lange und hat so lange Pausen. Ein Umstand, der Freiheit und Zwang für die Kuration ist. Doch die Auswahl der künstlerischen Leiter und Kuratoren der letzten Dekaden durch eine internationale Findungskommission hat gezeigt, dass es möglich ist, die documenta immer wieder neu zu erfinden. Keine documenta glich der anderen. Allein das Kürzel d und die entsprechende Nummerierung dahinter sind die einzigen Konstanten in der documenta-Welt. Es gab gute und herausragende documenta wie auch gute und herausragende künstlerische Leiter. Enttäuschend oder gar schlecht war keine. Wer auf der d ausstellen durfte, konnte sich spätestens seitdem zum internationalen Kunstadel zählen. Die Kuratierung einer d wurde oftmals zum Vorbild von Museen für moderne Kunst weltweit. Ebenso wurden neue Räume geschaffen innerorts wie ausserhalb, öffentliche Plätze bespielt, neue Ausstellungshallen gebaut oder alte Immobilien für die d erschlossen. Seien es ungenutzte Brauereigebäude, der Güterbahnhof, der documenta-Pavillon oder der Platz vor dem Friedericianum, die Karlsauen bei der Orangerie oder das Hugenottenhaus. Einige Orte wurden wieder aufgegeben oder waren von vornherein nur temporär. Manchmal wurde den Besuchern auch neue Perspektive geboten. Bleibenden Eindruck hinterließ zum Beispiel die Aussichtsplattform auf dem Königsplatz Platz zur d11. Alles zusammen zeigt: documenta kann überall sein. Denn die d ist mehr als eine ortsgebundene Ausstellung. Sie ist offen und experimentell, kann Grenzen überwinden, verlassenen Orten Leben einhauchen und eine neue Bedeutung geben.

Künstlerischer Leiter mit Feingefühl

Athen auszuwählen als weiteren gleichwertigen Standort der documenta ist in diesem Sinne nur konsequent. Oft genug wird die von der Wirtschaftskrise gebeutelte Stadt als Zonenrandgebiet Europas wahr genommen, reduziert auf die Akropolis und die aktuelle wirtschaftliche Lage. Griechenland ist Akropolis ist Griechenland. Die documenta hat nun die Chance einen von der deutschen, wenn nicht sogar europäischen Öffentlichkeit ausgesparten Raum samt seiner Kunst und Kultur neu zu entdecken. Eine Kultur, die unseren Begriff davon vor mehr als 3000 Jahren erst ermöglicht hat, ohne die es eine documenta vielleicht nicht gäbe. In diesem Sinne muss man Adam Szymzyk attestieren, dass er ein feines Gespür für den Charakter dieser Ausstellung und für die aktuelle Entwicklung in der Stadt hat. Sein Konzept ist keine Provokation der Kasselaner, sondern sichert das Fortbestehen einer Weltausstellung für Kunst, die immer noch führend ist, weil sie sich immer wieder neu erfinden kann und nun aufgrund ihrer Bedeutung die Chance hat, einen Teil der weltweiten Beachtung auf einen Kulturort zu lenken, der droht in Vergessenheit zu geraten, nur weil die Wirtschaft nicht funktioniert. Spannend ist deshalb, ob die Deutsche Bahn konsequent ist und ein documenta-Ticket nach Athen anbieten wird.

Umgekehrt wäre Kassel ohne documenta eine mit sich selbst beschäftigte Stadt, wieder in der Mitte Deutschlands angekommen, aber vergessen – dominiert von der am Ort starken sich traditionell bedeckt haltenden Rüstungsindustrie. Ginge es nach der Künstlergruppe „and and and“ würde das Ortsschild in diesem Fall den Untertitel „Der Tod ist ein Meister aus Kassel“ führen. Aber das will wirklich niemand.

20. Januar 2015

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